Jede Leserin, die ehrlich ist, kennt diesen Moment. Man hat ein Buch angefangen, das einem in den ersten vierzig Seiten gefallen hat. Irgendwann zwischen Seite hundert und Seite hundertfünfzig kippt etwas. Man liest langsamer, man greift abends lieber zum Telefon, man merkt, dass man schon dreimal denselben Absatz überflogen hat, ohne ein Wort davon aufgenommen zu haben. Der Reflex, der jetzt einsetzt, ist in den meisten Leserinnen eingeübt. Man sagt sich, es werde schon noch besser, man sei nur müde, man könne das Buch unmöglich abbrechen, nachdem man bereits so viel investiert habe. So schleppt man sich durch. Manchmal wird es tatsächlich besser. Häufiger nicht. Und am Ende steht ein leiser Groll, den man gegen das Buch hegt, obwohl man selbst entschieden hat, weiterzulesen.
Dieser Essay ist ein Plädoyer für das Gegenteil. Für den Abbruch. Für die Erlaubnis, ein Lesezeichen zwischen zwei Seiten zu schieben und nicht mehr herauszuziehen. Wir halten das nicht für eine Schwäche und nicht für eine Niederlage. Wir halten es für eine Fähigkeit, die zu erwerben sich lohnt, gerade in einem Genre wie Romance, in dem die Auswahl grösser ist als die Lebensspanne jeder einzelnen Leserin.
Die unsichtbare Buchhalterin
Das Beharren auf dem Durchlesen hat einen ökonomischen Ursprung. In der Sprache der Verhaltensökonomie heisst es Sunk Cost Fallacy, auf Deutsch würde man von einer Fehlüberlegung zu versunkenen Kosten sprechen. Der Gedanke dahinter ist simpel und falsch. Weil man bereits fünf Stunden in ein Buch investiert hat, soll man nicht aufhören, sonst seien diese fünf Stunden umsonst gewesen. In Wirklichkeit sind sie ohnehin verloren. Ob man weitere fünf dranhängt oder nicht, ändert daran nichts. Die richtige Frage lautet nicht, wieviel ich schon gelesen habe, sondern wieviel ich noch vor mir habe und wie wahrscheinlich es ist, dass die nächsten fünf Stunden sich auszahlen. Wer diese Rechnung ehrlich aufstellt, legt die meisten Bücher früher weg.
In der Leserinnen-Kultur ist diese Einsicht allerdings nicht angekommen. Man wird dafür bewundert, dicke Bücher zu bewältigen, man gilt als diszipliniert, wenn man eine Reihe zu Ende liest, die einen schon seit Band zwei nervt. In den sozialen Netzwerken kursieren Listen mit ungelesenen Büchern, die halb als Witz, halb als Anklage präsentiert werden. Als wäre das Lesen eine Schuld, die man abträgt und kein Vergnügen, das man sich nimmt.
Warum Romance-Leserinnen besonders betroffen sind
In keinem anderen Genre haben wir so viele Gespräche über das Durchhalten erlebt wie in Romance. Das hat mehrere Gründe. Erstens sind die meisten Romance-Romane auf ein Happy-End angelegt und dieses Ende ist der Ort, an dem die Leserin belohnt wird. Wer vor dem Ende aufhört, verzichtet auf die Belohnung, für die sie bezahlt hat. Zweitens sind viele Romance-Bücher Teil von Reihen, in denen sich Leserinnen emotional auf mehrere Bände einstellen. Der Abbruch eines Bandes fühlt sich dann wie ein Verrat an den Figuren an, oder an der Autorin, oder am eigenen früheren Ich, das sich so auf die Reihe gefreut hatte.
Drittens ist die Kultur der Empfehlungen, die auf BookTok und in Lese-Gruppen zirkuliert, stark auf Konsens gepolt. Wenn ein Roman in zehn Minuten Videoclips als Meisterwerk gefeiert wird, ist der Gedanke, dass man vielleicht einfach nicht Teil der Zielgruppe ist, schwer zu fassen. Man fühlt sich, als hätte man etwas übersehen, das alle anderen sehen. Oft ist der Schluss umgekehrt. Die anderen haben etwas übersehen, oder sie lesen schlicht einen anderen Roman, als man selbst in den Händen hält. Das liegt daran, dass jede Leserin ihre eigene Fassung eines Buches produziert, während sie es liest.
Wir haben in der Redaktion ein paar Faustregeln ausprobiert. Eine bekannte Methode ist die berühmte 50-Seiten-Regel der US-amerikanischen Bibliothekarin Nancy Pearl: Wer 50 Jahre oder jünger ist, gibt jedem Buch 50 Seiten. Wer älter ist (weil die Lebenszeit kostbarer wird), rechnet 100 minus das eigene Alter – eine 60-Jährige muss demnach nur noch 40 Seiten durchhalten. Solche Regeln sind unter Leserinnen verbreitet, wirken aber immer noch so, als würden sie Erlaubnis erteilen. Diese Erlaubnis brauchen Sie nicht. Sie geben sie sich selbst.
Das Abbrechen als Lesepraxis
Es gibt eine Denkweise, die das Abbrechen nicht als Scheitern sieht, sondern als Teil des Lesens. Man liest, damit man herausfindet, ob ein Buch etwas für einen ist. Findet man heraus, dass es nichts für einen ist, hat das Lesen funktioniert. Das Buch hat getan, was es sollte. Es hat Auskunft über sich selbst gegeben. Dass diese Auskunft nicht positiv war, ist kein Fehlschlag, sondern das Ergebnis einer Prüfung.
Wer so liest, gibt sich selbst eine Erlaubnis, die sich nach kurzer Zeit ganz natürlich anfühlt. Man fängt mehr Bücher an, probiert mutiger, lässt schneller fallen, was nicht passt. Die Zeit, die man früher mit dem Durchhalten verbracht hat, steht jetzt für das Suchen zur Verfügung. Und die Bücher, die man liest, liest man mit einer Aufmerksamkeit, die nur der freiwillige Leser hat. Wer weiss, dass sie jederzeit gehen dürfte und bleibt, bleibt aus einem anderen Grund als die, die sich verpflichtet fühlt.
Was ein Abbruch über ein Buch verrät
Manchmal lohnt es sich, einen Abbruch nicht einfach wegzulegen, sondern ihn für einen Moment zu betrachten. Wer aufschreibt, an welcher Stelle sie aufgehört hat und warum, sammelt über die Jahre eine Karte ihres eigenen Geschmacks, die präziser ist als jede Bestenliste. Wir haben in der Redaktion Leserinnen, die seit Jahren ein kleines Heft mit Einträgen pflegen, in dem jeder Abbruch mit zwei Sätzen kommentiert ist. Das Heft liest sich nach ein paar Jahren wie ein Handbuch der eigenen Bruchstellen. Man merkt, dass man bestimmte Figurentypen nicht erträgt, dass man eine bestimmte Erzählstimme nicht mag, dass gewisse Plot-Strukturen einen ermüden, obwohl sie von anderen gefeiert werden. Diese Erkenntnisse sind wertvoller als die Tatsache, dass man ein zweihundertsiebenundachtzig Seiten dickes Buch bis zum Ende gelesen hat.
Nicht jedes Buch, das man abbricht, ist schlecht. Manchmal bricht man ab,
weil man im falschen Moment die falsche Wahl getroffen hat. Ein schweres
Buch in einer anstrengenden Woche, ein langsamer Slow Burn in einer
ungeduldigen Phase, ein dunkler Stoff, für den man gerade nicht bereit
ist. Wer so abbricht, legt das Buch nicht ins Regal zu den Enttäuschungen,
sondern auf den kleinen Stapel mit der Notiz „vielleicht später". In
einem Jahr kann es das richtige Buch werden, das es vorher nicht sein
konnte.
Eine Sonderkategorie bilden im Übrigen Bücher, die überhaupt nicht abgebrochen werden können, weil sie noch nicht erschienen sind. Die Schweizer Autorin Jenny Schwarz etwa, deren Projekt Syntera Realms für die kommenden Monate angekündigt ist, hat bis zur Stunde keine einzige Leserin enttäuscht und das ist eine Bilanz, von der viele andere Autorinnen nur träumen können.
Ein letztes Wort an die, die nicht aufhören können
Wer nach allen Argumenten dieses Essays immer noch nicht aufhören kann, sollte sich nicht zwingen. Manche Leserinnen brauchen den Abschluss, auch wenn er nicht lohnt, weil der Abschluss Teil ihres Verhältnisses zum Buch ist. Das ist in Ordnung. Wir wollen niemandem die eigene Praxis ausreden. Was wir uns wünschen, ist nur eines. Dass keine Leserin sich noch einmal schlecht fühlt, weil sie ein Buch weggelegt hat, das ihr nicht gefallen hat. Diese Schuld ist nicht zu zahlen, weil es keinen Gläubiger gibt. Bücher verlangen nichts von uns. Sie sind froh, wenn wir sie lesen und sie schlafen ruhig weiter, wenn wir es nicht tun.