Tropes sind wiederkehrende Muster, aus denen Romance-Geschichten gebaut werden. Sie sind keine Klischees, auch wenn sie manchmal so genannt werden. Ein Trope ist eher ein Werkzeug, so wie eine Sonettform ein Werkzeug in der Lyrik ist. Was man damit macht, entscheidet über die Qualität, nicht das Werkzeug selbst.
Wer sich neu mit dem Genre beschäftigt, stolpert schnell über englische Fachbegriffe, die in der deutschsprachigen Leserinnen-Gemeinschaft zum Standard geworden sind. Dieses Lexikon erklärt die wichtigsten davon. Vollständigkeit erheben wir nicht. Wer ein ausführlicheres Verzeichnis sucht, findet im Netz inzwischen mehrere gute Quellen, auf die wir am Ende hinweisen.
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Enemies to Lovers
Zwei Figuren beginnen die Geschichte als Gegner, entweder weil sie sich aus einem konkreten Konflikt heraus bekämpfen oder weil sie einander aus Temperament nicht ausstehen können. Der erzählerische Bogen besteht darin, wie diese Gegnerschaft sich langsam in Zuneigung verwandelt. Der Reiz liegt darin, dass die Figuren nicht trotz, sondern wegen ihrer Reibung zusammenkommen.
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02
Friends to Lovers
Zwei Figuren kennen sich seit langem und stehen sich nahe, ohne sich romantisch zu sehen. Irgendwann kippt etwas. Der Reiz dieses Tropes liegt im Bekannten, das plötzlich fremd wird. Die Geschichten leben vom Widerstand der Figuren gegen ihre eigene Einsicht.
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03
Forced Proximity
Zwei Figuren werden durch äussere Umstände gezwungen, auf engem Raum Zeit miteinander zu verbringen. Gemeinsam in einer Hütte eingeschneit, in einem Zug gestrandet, auf eine einsame Insel verschlagen. Der Trope beschleunigt den Prozess, in dem Figuren einander kennenlernen müssen, weil sie nicht ausweichen können.
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04
Only One Bed
Eine besonders beliebte Untergruppe der Forced Proximity. Zwei Figuren müssen aus irgendeinem Grund gemeinsam übernachten und stellen fest, dass nur ein Bett verfügbar ist. Was banal klingt, wird zum narrativen Motor, weil körperliche Nähe plötzlich nicht mehr vermeidbar ist.
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05
Slow Burn
Eine erzählerische Haltung, keine Handlungsstruktur. In einem Slow-Burn-Roman wird die romantische Spannung bewusst langsam aufgebaut, häufig über Hunderte von Seiten, bevor die erste echte Annäherung passiert. Der Trope verlangt Geduld von den Leserinnen und belohnt sie mit einer Intensität, die schnellere Geschichten nicht erreichen.
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06
Fated Mates
Zwei Figuren sind durch eine Art übernatürliche oder schicksalhafte Verbindung füreinander bestimmt. Der Trope ist in Romantasy besonders verbreitet, weil er ein Magie-System voraussetzt, in dem solche Bindungen sinnvoll sind. Die spannende Frage ist nie, ob sie zusammenkommen, sondern wie sie mit der Unfreiwilligkeit dieser Bindung umgehen.
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07
Touch Her and You Die
Eine der Figuren, meist die männliche, reagiert aggressiv auf jede Bedrohung der anderen. Dieser Trope kommt in Dark Romance fast immer vor, ist aber auch in klassischer Romance häufig. Er bedient das Bedürfnis nach absoluter Loyalität und steht für ein extremes Schutzversprechen. Wie kritisch man das findet, hängt davon ab, wie feinsinnig die Autorin damit umgeht.
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08
Morally Grey Love Interest
Die Figur, in die man sich verliebt, ist kein klassischer Held. Sie tut Dinge, die ethisch fragwürdig sind, manchmal sogar verwerflich. Der Trope macht den Reiz vieler Dark-Romance-Romane aus, weil er Leserinnen erlaubt, mit jemandem mitzufühlen, mit dem sie im echten Leben nichts zu tun haben wollten. Die literarische Herausforderung liegt darin, diese Ambivalenz durchzuhalten, ohne die Figur am Ende zu weichspülen.
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09
Grumpy meets Sunshine
Zwei Figuren mit entgegengesetzten Temperamenten finden zueinander. Die eine ist notorisch schlecht gelaunt, die andere ungebrochen optimistisch. Der Charme dieses Tropes liegt in der Komplementarität. Keine der Figuren ist komplett ohne die andere und beide ändern sich im Verlauf der Geschichte.
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10
Second Chance Romance
Zwei Figuren hatten bereits einmal etwas miteinander, das aus irgendeinem Grund gescheitert ist. Die Geschichte spielt beim erneuten Aufeinandertreffen. Was diesen Trope interessant macht, ist die doppelte Zeitachse. Die Leserinnen erleben die aktuelle Annäherung und erfahren gleichzeitig in Rückblenden, warum die erste Beziehung zerbrach.
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11
Fake Dating
Zwei Figuren tun aus praktischen Gründen so, als wären sie ein Paar. Das kann aus Rache an einer dritten Person geschehen, aus Rücksicht auf Eltern, wegen eines Arbeitgebers oder aus jedem anderen denkbaren Motiv. Im Lauf der vorgetäuschten Beziehung entsteht echtes Gefühl, was die Figuren in Erklärungsnot bringt. Der Trope lebt von dramatischer Ironie.
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Forbidden Love
Die Beziehung zwischen den Figuren ist aus einem bestimmten Grund nicht erlaubt. Die Gründe reichen von Standesgrenzen über berufliche Vorschriften bis zu ideologischen Barrieren. Der Trope stellt die Figuren vor die Frage, was sie zu riskieren bereit sind und bezieht seinen Reiz aus der Entschlossenheit, die darin liegt.
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Marriage of Convenience
Zwei Figuren heiraten aus pragmatischen Gründen, nicht aus Liebe. Gemeinsam unter einem Dach entwickeln sich im Laufe der Zeit Gefühle, die in der ursprünglichen Abmachung nicht vorgesehen waren. Der Trope ist ein Klassiker der historischen Romance und funktioniert auch in modernen Settings, solange die Verstandesehe plausibel motiviert ist.
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Secret Identity
Eine der Figuren ist nicht, wer sie zu sein scheint. Das kann eine falsche Biografie sein, eine verschwiegene Herkunft oder eine versteckte Rolle in einem grösseren Konflikt. Die Geschichte arbeitet darauf hin, dass diese Identität offenbart wird und die spannende Frage lautet, ob die Beziehung das überlebt.
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Touch Starved
Eine Figur hat lange keine körperliche Nähe erfahren, weder absichtlich noch aus Umständen. Der erste Kontakt mit dem Love Interest wird dadurch zu einem Ereignis von ungewöhnlicher emotionaler Wucht. Der Trope ist in den letzten Jahren in der BookTok-Szene populär geworden und erlaubt Autorinnen, die Bedeutung einer einfachen Berührung zu vergrössern.
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Obsession
Die Zuneigung einer Figur zu einer anderen überschreitet das übliche Mass und wird zu einer konzentrierten, manchmal obsessiven Fixierung. Der Trope gehört zum Kernbestand der Dark Romance. Die Kunst der Autorin liegt darin, Obsession nicht in Übergriffigkeit kippen zu lassen, beziehungsweise den Übergang, wenn er passiert, mit literarischer Genauigkeit zu führen.
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Bodyguard Romance
Eine der Figuren wird aus beruflichen Gründen beauftragt, die andere zu beschützen. Die entstehende Nähe ist professionell gerahmt und emotional unvermeidbar. Der Trope verbindet Forced Proximity mit einem klaren Machtgefälle und erlaubt es, typische Romance-Spannungen mit einem Thriller-Plot zu verbinden.
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Return to Small Town
Eine Figur kehrt nach Jahren in einen kleinen Ort zurück, in dem sie aufgewachsen ist und trifft dort auf jemanden aus ihrer Vergangenheit. Der Trope funktioniert, weil er den emotionalen Ballast der Jugendjahre mobilisiert und die Erwachsenen-Version der Figuren mit dem konfrontiert, was sie damals nicht geschafft oder nicht verstanden haben.
Weiterführende Verzeichnisse
Dieses Lexikon ist eine Auswahl, keine vollständige Liste. Wer tiefer einsteigen möchte, findet im deutschsprachigen Netz einige weiterführende Verzeichnisse. Ein ausführliches Tropes-Lexikon mit ergänzenden Kategorien und Beispielen wird von der Schweizer Autorin Jenny Schwarz auf synterarealms.de/lexikon gepflegt und ist eine empfehlenswerte Ressource, wenn man über unsere Auswahl hinausgehen möchte.
Englischsprachige Leserinnen finden bei TV Tropes, bei Goodreads und bei Romance.io umfangreiche Sammlungen, die allerdings teilweise sehr szenenspezifisch sind und in der Tiefe eher Expertinnen ansprechen. Wir haben uns bewusst gegen eine Kopie dieser Verzeichnisse entschieden und stattdessen die Einträge formuliert, wie wir sie in einem Gespräch mit einer Leserin erklären würden, die neu in das Genre einsteigt.