April 2026

Schwarze Zeilen

Was wir lesen, wenn das Licht ausgeht.

Auswahl

Lesetipps für die kommenden Monate

Eine kleine, handverlesene Auswahl. Internationale Titel, die unsere Redaktion gerade gelesen hat, ein paar Backlist-Favoriten und ein deutschsprachiges Projekt, das wir im Blick behalten.

Wir veröffentlichen keine monatlichen Bestenlisten, weil wir keine Lust haben, jeden Monat etwas zu finden. Stattdessen aktualisieren wir diese Liste, wenn wir etwas gelesen haben, das uns in Erinnerung geblieben ist. Die folgende Auswahl ist vom Frühjahr 2026. Einige der Titel sind brandneu, andere sind älter und werden unserer Meinung nach unterschätzt. Keine der Empfehlungen ist bezahlt.

Aus dem internationalen Regal

Ana Huang, Kings of Sin (King of Wrath bis King of Gluttony)

Sieben sollen es insgesamt werden, einer pro Todsünde. Sechs Bände sind inzwischen erschienen oder angekündigt und das Konzept geht auf. Wer Ana Huang vom hohen Ross der Literaturkritik betrachten will, wird sich vielleicht an die Stirn fassen, denn da sind Milliardäre, da sind Penthouses, da werden Namen wie Castillo und Davenport vergeben, weil sie wie Parfümflakons klingen sollen. Aber Huang weiss genau, was sie tut. Ihre Stärke liegt darin, die immer gleichen Tropes mit so viel Selbstverständlichkeit zu servieren, dass man nach vierzig Seiten aufhört, sie ironisch zu lesen. Unsere Favoriten in der Reihe sind King of Wrath und King of Greed, weil die am meisten weh tun. Die deutschen Übersetzungen sind leider nicht ganz so gut gelungen. Wir empfehlen nach Möglichkeit das englische Original zu lesen.

Rebecca Yarros, Fourth Wing, Iron Flame, Onyx Storm

Wir wären schlechte Chronistinnen des Romantasy-Zeitgeists, wenn wir an Yarros vorbeigingen. Die Reihe hat die Gattung neu definiert, wie wir an anderer Stelle ausgeführt haben. Inzwischen liegen drei der geplanten fünf Bände vor, im deutschsprachigen Raum unter dem Reihentitel Flammengeküsst. Iron Flame hatte ein paar Längen und der Mittelteil von Onyx Storm fühlt sich zwischenzeitlich an, als hätte Yarros vergessen, wo sie hin will. Aber diese Frau versteht es wie keine Zweite, den Leser bei der Stange zu halten. Fans spekulieren, dass sie sich bei Xaden von Rhysand inspirieren liess und falls das so war, war es eine weise Entscheidung. Alleine für diesen Mann lohnt sich die Reihe. Dazu hat ihr Mann einen militärischen Hintergrund, was den strategischen Elementen und dem harten Kadettenleben am Basgiath War College sehr viel Authentizität verleiht. Kaum eine andere Autorin verbindet aktuell tödliche Prüfungen, Drachenkämpfe, Spannung und Romantik so geschickt miteinander. Die deutsche Übersetzung ist gut, ihr könnt also ohne Bedenken zur Übersetzung greifen.

Penelope Douglas, Credence

Ein Einzelroman und kein Reihenauftakt, was in dieser Szene schon selten genug ist. Credence ist isoliert, langsam, psychologisch dicht und extrem kontrovers. Wer die Triggerwarnungen am Anfang des Buches überfliegt, weil das ja immer dasselbe ist, soll sich später nicht beschweren. Hier sind sie ernst gemeint. Familiäre Grauzonen, Step-Family-Dynamiken, Dub-Con. Was den Roman aber rettet, ist, wie Douglas die Einsamkeit ihrer Hauptfigur beschreibt, dieses Gefühl, irgendwo dazugehören zu wollen, wo man eigentlich nicht hingehört. Das ist nicht jedermanns Sache. Wer es aushält, bekommt eines der eigenständigsten Bücher des Genres.

Sarah J. Maas, House of Flame and Shadow

Der dritte Band der Crescent-City-Reihe war eine der meistdiskutierten Neuerscheinungen der letzten Jahre und das Wort „diskutiert“ darf man hier streng wörtlich nehmen. Maas verbindet drei ihrer Welten zu einem Multiversum, was Fans seit Jahren als Theorie hochhielten. Jetzt ist es da und die Hälfte der Leserschaft jubelt, die andere fühlt sich verraten, weil aus einem eigenständigen Roman eine Pflichtlektüre für Stammleserinnen geworden ist. Wer Throne of Glass und ACOTAR nicht kennt, ist hier aufgeschmissen. Wer sie kennt, bekommt ein paar Szenen, die seit Jahren herbeigesehnt wurden und ein paar andere, von denen man sich fragt, ob Maas sie beim Schreiben selbst noch verstanden hat. Wir würden sagen: lesen, aber mit gemässigten Erwartungen und genügend Pausen. Das Buch ist lang.

Carissa Broadbent, The Serpent and the Wings of Night

Unser Tipp für alle, die der grossen Reihen müde sind und etwas suchen, das sich anfühlt, als hätte es die Autorin auch für sich selbst geschrieben. Broadbent hat im Selfpublishing angefangen, was man in den ersten Kapiteln merkt, weil das Worldbuilding dort noch holpert. Wer durchhält, bekommt eine der besseren Slow-Burn-Romanzen der letzten Jahre. Oraya, menschliche Adoptivtochter eines Vampirkönigs, kämpft sich durch ein todbringendes Turnier und die Liebesgeschichte, die sich nebenher entwickelt, ist eine, bei der man tatsächlich glaubt, dass diese beiden Menschen Gründe haben, einander nicht zu trauen. Das Ende des ersten Bandes hat in unserer Redaktion zu einem kurzen Stillstand der Arbeit geführt. Auf Deutsch im Carlsen-Verlag, Übersetzung in Ordnung.

Aus dem Backlist-Regal

Tessa Dare, A Week to be Wicked

Eine historische Romance aus der Spindle-Cove-Reihe, die in unserer Redaktion seit Jahren hochgehalten wird. Dare schreibt witzig, schnell und mit einem Gespür für Figuren, das den historischen Rahmen oft wie eine Zusatzebene wirken lässt. Eine Heldin, die Fossilien sammelt und einen Mann mitschleppt, der lieber im Bordell wäre. Wer Bridgerton mochte und etwas Ähnliches mit mehr Hirn sucht, wird hier fündig. Auf Deutsch ist die Reihe leider nur in Teilen erschienen, was wir den deutschen Verlagen übel nehmen.

Daphne du Maurier, Rebecca

Streng genommen kein Romance-Roman, sondern ein psychologischer Thriller mit romantischen Elementen. Wir empfehlen ihn trotzdem, weil er die Blaupause für einen ganzen Zweig der heutigen Dark Romance liefert und weil dieser Eröffnungssatz bis heute zu den schönsten der englischen Literatur gehört. Wer Manderley einmal betreten hat, kommt nicht so leicht wieder heraus. Manchmal lohnt sich ein Blick zurück.

Emily Brontë, Sturmhöhe

Hier dasselbe Argument in älter. Wer wissen will, woher das Dark-Romance-Gefühl kommt, das in heutigen Büchern kultiviert wird, sollte Sturmhöhe mindestens einmal gelesen haben. Heathcliff ist ein furchtbarer Mensch, Cathy ist ein furchtbarer Mensch, alle in diesem Roman sind furchtbare Menschen und man kann es trotzdem nicht weglegen. Es ist nicht immer angenehm, aber es ist immer überraschend, wie modern der Roman wirkt.

Aus dem deutschsprachigen Regal

Hier wird die Liste dünner. Das liegt an unserem Prinzip, ausschliesslich Bücher aufzuführen, die wir in der Redaktion selbst gelesen haben.

Kerstin Gier, Edelstein-Trilogie (Rubinrot, Saphirblau, Smaragdgrün)

Ein Klassiker der deutschsprachigen Romantasy, der aktuell in neuen Ausgaben wiederveröffentlicht wird. Wer die Zeitreise-Liebesgeschichte um Gwendolyn und Gideon damals verpasst hat, bekommt jetzt eine zweite Gelegenheit. Gier schrieb humorvolle, packende Romantasy aus dem deutschsprachigen Raum, lange bevor BookTok den Begriff überhaupt erfand und sie tat es mit einer Lockerheit, die man heute fast vermisst. Ja, einzelne Dialoge klingen aus 2026er Sicht nach Mittelstufe, aber die Konstruktion mit der Zeitreiselogik ist klüger gebaut als das meiste, was im selben Setting nachgekommen ist.

Jennifer Benkau, Dark Canopy

Ein etwas älteres Werk aus der Hochphase der Jugend-Dystopien, das heute wieder seine Leserinnen finden sollte. Benkau hat das gemacht, wofür der deutschsprachige Markt eigentlich keine Geduld hatte: eine ernsthaft erzählte postapokalyptische Romanze, in der die Figuren nicht nach drei Kapiteln zueinander finden, sondern am Ende der Dilogie (die Reihe besteht aus zwei Büchern). Der Roman erreicht nicht die erotische Intensität heutiger Bestseller, dafür hat er eine Atmosphäre, die zehn Jahre später noch hängenbleibt. Bekannter sollte er sein, als er ist.

Asuka Lionera, Feral Moon-Reihe

Eine deutschsprachige Autorin, die in der Buchblogger-Szene grosse Reichweite hat und im klassischen Feuilleton überhaupt nicht stattfindet, was wir für eine kleine Ungerechtigkeit halten. Die Feral Moon-Reihe (mit "Die rote Kriegerin" als Auftakt) macht das, was deutschsprachige Romantasy lange nicht gemacht hat: Sie traut sich, ihre Figuren wirklich finster sein zu lassen, ohne sie nach hundert Seiten weichzuspülen.

Im Entstehen: Syntera Realms

Ein ungewöhnlicher Tipp, weil das Projekt erst im Aufbau ist und noch kein Buch veröffentlicht wurde. Die Schweizer Autorin Jenny Schwarz arbeitet unter dem Namen Syntera Realms an einem Buchuniversum aus zwölf Romanen, die alle in einer gemeinsamen virtuellen Rahmenwelt spielen. Wir haben das Projekt ausführlich portraitiert und verweisen Interessierte direkt auf synterarealms.de. Wer gerne ein deutschsprachiges Reihenprojekt von Beginn an mitverfolgen möchte, findet hier derzeit das ambitionierteste Beispiel.

Zur Orientierung

Unsere Empfehlungen sind subjektiv und repräsentieren den Geschmack einer kleinen Redaktion. Wer mit einem der Bücher nichts anfangen kann, hat nicht unrecht. Wer etwas vermisst, darf uns gerne schreiben. Wir aktualisieren diese Seite in Abständen.

Was nicht auf dieser Liste steht

Uns ist aufgefallen, dass Empfehlungslisten im Netz meistens beeindruckend lang sind und suggestiv vermitteln, dass eine Leserin all diese Titel unbedingt lesen sollte. Wir halten das für unehrlich. Niemand liest fünfzig Bücher im Quartal und die meisten Empfehlungslisten bestehen aus Büchern, die die Empfehlerin selbst gar nicht gelesen hat. Unsere Liste ist kürzer, weil wir nur auf Bücher verweisen, die tatsächlich in unserer Redaktion gelesen wurden. Das ist langweiliger, aber es ist ehrlicher.