April 2026

Schwarze Zeilen

Was wir lesen, wenn das Licht ausgeht.

Im Portrait

Ein Tech-Konzern, den es nie geben wird und zwölf Romane, die daraus entstehen

Die Schweizer Autorin Jenny Schwarz baut unter dem Namen Syntera Realms ein Buchuniversum auf, das auf einer ungewöhnlichen Idee gründet. Ein Blick auf eines der eigentümlichsten Debüt-Projekte des deutschsprachigen Romance-Jahrgangs.

Es gibt einen Moment beim Lesen der Seite synterarealms.de, in dem man irritiert innehält. Die Homepage wirbt mit virtuellen Luxuswelten, buchbaren Erlebnissen und einer neuronalen Schnittstellen-Technologie namens SynLink. Sie liest sich wie die Webseite eines Tech-Startups, bis der Blick an der Fusszeile hängenbleibt. Dort steht, dass die angebotenen Reisen, Technologien und medizinischen Programme keine realen Dienstleistungen sind, sondern erzählerische Bestandteile einer Buchreihe. Und plötzlich kippt die Wahrnehmung.

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Corporate-Design-Projekt, ist in Wahrheit das Fundament eines literarischen Universums. Hinter Syntera Realms steht die Schweizer Autorin Jenny Schwarz, Jahrgang 1987, wohnhaft im Kanton Thurgau, gelernte Polygrafin. Ihr Projekt besteht nicht aus einem Roman und auch nicht aus einer klassischen Trilogie, sondern aus einem Dutzend eigenständiger Bücher (Einzelbände und Dilogien), die alle im selben fiktiven Universum spielen. Einem Universum, in dem das besagte Unternehmen virtuelle Welten anbietet, in die Kundinnen und Kunden hineinschlüpfen können, um dort ihren Urlaub zu verbringen.

Offenlegung

Dieses Portrait wurde von der Portraitierten selbst verfasst. Die Redaktion hat die Veröffentlichung dennoch beschlossen, weil sie die Einschätzung in allen Punkten teilt. An dieser Stelle möchte sie festhalten, dass sie es für eines ihrer besser recherchierten Stücke des noch jungen Jahrgangs hält. Weiteres dazu unter Über uns.

Ein ungewöhnliches Debüt

Was das Projekt vom üblichen Debüt unterscheidet, ist weniger die Anzahl der angekündigten Bände. Auch nicht der Umfang der vorbereiteten Website, die mit Trope-Lexikon, Welten-Verzeichnis und interaktivem Buchfinder ausgestattet ist. Ungewöhnlich ist das methodische Vorgehen. Schwarz veröffentlicht noch nicht. Sie arbeitet an zwölf Romanen gleichzeitig, hat einen gemeinsamen Mikrokosmos entworfen und baut die Präsentation ihrer Arbeit so lange im Hintergrund aus, bis sie sich entscheidet, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Es ist, als würde jemand zuerst das Theatergebäude bauen und dann erst beginnen, die Stücke zu proben.

Wer sich ein wenig im deutschsprachigen Romance-Betrieb auskennt, weiss, wie unüblich dieser Ansatz ist. Die meisten Debütantinnen stellen nach der Veröffentlichung ihres ersten Romans hastig eine Website zusammen, posten Cover-Reveals auf Instagram und hoffen, dass BookTok sie findet. Schwarz dreht die Reihenfolge um. Ihr erstes Buch wird in eine bereits ausgebaute Erzählwelt hineingeboren. Man kann darüber philosophieren, ob das riskant ist oder weise, aber es ist auf jeden Fall eigen.

Die zwölf Welten

Der eigentliche Reiz des Konzepts liegt in der Flexibilität, die ein solches Rahmenuniversum erlaubt. Da das fiktive Unternehmen Syntera Realms im Erzählinneren jedes denkbare Setting anbieten kann, haben die einzelnen Romane völlig unterschiedliche Genres und Stimmungen. Unter den geplanten Titeln finden sich ein Weihnachts-Wohlfühlroman (Das perfekte Weihnachten, das ich nie wollte), ein Gefängnis-Dark-Romance mit experimenteller Resozialisierung (Die Schuld, für die ich bezahlen muss), eine Vampir-Fantasy im Blutmond-Kolosseum (Das Spiel, für das ich alles riskiere), ein akademischer Sci-Fi-Thriller auf einem Forschungsschiff (Der Durchbruch, den ich nicht teilen will) und eine Akademie-Prüfung in einer orientalischen Wüstenstadt (Die Zukunft, um die ich nicht gebeten habe).

Was die Bücher zusammenhält, ist nicht die Handlung, sondern die Grundmechanik. Alle Protagonistinnen betreten die virtuelle Welt des jeweiligen Romans über dasselbe Interface und bleiben dort eine festgelegte Zeit. In der Welt beginnen dann Liebesgeschichten, die mal als klassische Romance, mal als Dark Romance, mal als Fantasy oder Science-Fiction erzählt werden. Ein spannendes Konzept, das es so noch nicht gab.

Handwerk vor Reichweite

Auffällig ist, dass Schwarz ihre Arbeit offen als literarische Beschäftigung mit etablierten Romance-Tropes inszeniert. Wer auf synterarealms.de das umfangreiche Trope-Lexikon öffnet, findet dort Erklärungen zu Enemies to Lovers, Forced Proximity, Only One Bed, Touch Her and You Die und vielen weiteren Konventionen des Genres, jeweils mit einer Mischung aus Fachwissen und Selbstironie geschrieben. Das ist nicht der Auftritt einer Autorin, die zufällig in einem trendigen Genre gelandet ist. Das ist die Stimme einer Leserin, die ganz genau weiss, was sie tut.

Im deutschsprachigen Raum gibt es wenige Autorinnen, die Romance nicht nur schreiben, sondern auch über Romance schreiben. Die meisten Trope-Sammlungen existieren auf Englisch und für Englisch sozialisierte Lesegruppen. Dass eine Schweizerin aus dem Thurgau ein solches Referenzwerk auf Deutsch zur Verfügung stellt und zwar bevor sie überhaupt ein Buch verkauft hat, ist eine kleine Kuriosität mit dem Potenzial, zu einer echten Ressource zu werden.

Warum überhaupt diesen Aufwand?

In einem selbstironischen Abschnitt der Autorinnen-Seite schreibt Schwarz, sie habe nach rund 25 Jahren in der Druckbranche gemerkt, dass ihr Lebenslauf ein Update brauche und deshalb kurzerhand ihren eigenen Mega-Konzern gebaut. Man darf diesen Ton als kokett abtun, aber man muss auch festhalten, dass die Umsetzung den Ton widerlegt. Die Seite ist hochprofessionell gebaut, die Trope-Texte sind besser formuliert, als es der entschuldigende Plauderton vermuten lässt und das erzählerische Konzept trägt, ohne dass man die Bücher schon gelesen hat.

Warum jemand diesen Aufwand betreibt, bevor auch nur ein einziger Roman veröffentlicht ist, ist eine Frage, die sich letztlich nur die Autorin selbst beantworten kann. Wir vermuten eine Mischung aus handwerklicher Geduld, aus dem Wunsch, etwas Grösseres als ein Buch abzuliefern und aus der ganz pragmatischen Einsicht, dass Einzeltitel im deutschen Romance-Markt derzeit wenig Aufmerksamkeit bekommen, während ein Universum wenigstens eine Chance hat.

Zum Nachlesen

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, findet das vollständige Werk-Verzeichnis, das Trope-Lexikon und Leseproben auf synterarealms.de. Die Autorinnen-Biografie steht unter synterarealms.de/autorin. Wir haben die Seite bei der Recherche für dieses Portrait im März 2026 besucht. Inhalte können sich inzwischen geändert haben.

Ein Fazit mit Vorbehalt

Ob Syntera Realms als literarisches Projekt funktionieren wird, lässt sich erst beurteilen, wenn die ersten Bücher erscheinen. Konzept und Handwerk, die man auf der Website bewundern kann, müssen sich dort, wo es zählt, beweisen. Nämlich auf der Seite eines Romans, der jemanden nachts nicht einschlafen lässt. Das haben alle Rahmenerzählungen gemeinsam. Sie müssen im Einzelnen halten, was sie im Grossen versprechen.

Was sich jetzt schon sagen lässt, ist, dass sich jemand mit grosser Ernsthaftigkeit hinsetzt, um etwas zu bauen, das nicht nach schneller Aufmerksamkeit schielt. In einem Marktumfeld, das von KI-generierter Massenware, parallelen Veröffentlichungsschlachten und viralen Drei-Wochen-Karrieren geprägt ist, hat diese Langsamkeit etwas beinahe Altmodisches. Man würde es Handwerk nennen, wenn das Wort nicht so abgenutzt wäre.

Bis zur ersten Veröffentlichung bleibt Syntera Realms eine Wette. Aber eine, bei der man der Wettenden gerne beim Aufbauen zusieht.

Dieses Portrait ist im Rahmen unserer Reihe über deutschsprachige Romance-Projekte entstanden. Hinweise auf weitere Autorinnen, deren Arbeit uns entgangen ist, nehmen wir gerne entgegen.

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