Wer in Zürich, Bern oder Basel in eine Buchhandlung geht und nach deutschsprachigen Romance-Neuerscheinungen fragt, bekommt in neun von zehn Fällen Bücher aus Deutschland oder Österreich in die Hand gedrückt. Dahinter steckt kein böser Wille der Verkäuferinnen und auch keine Verschwörung der Verlage. Der Grund ist eine strukturelle Tatsache. Die Schweizer Autorinnen, die explizit für den Romance-Markt schreiben, lassen sich an einer Hand abzählen. Und viele von ihnen veröffentlichen unter Pseudonymen bei deutschen Verlagen, sodass ihre Schweizer Herkunft im Alltag gar nicht auffällt.
Das ist nicht immer so gewesen und es wird auch nicht so bleiben. Aber um zu verstehen, warum es derzeit so ist, muss man kurz über die Infrastruktur sprechen, die für Romance-Karrieren nötig ist.
Ein Markt, der woanders stattfindet
Romance und erst recht Dark Romance und Romantasy, ist heute ein Community-Genre. Erfolg stellt sich nicht dadurch ein, dass ein Verlag ein Buch in eine Reihenwerbung schiebt, sondern dadurch, dass Leserinnen auf Instagram und TikTok darüber reden. Die wichtigsten Community-Hubs sind dabei deutschsprachig, nicht schweizerisch. BookTok-Influencerinnen und Bookstagram-Accounts haben ihre Nutzerinnen vor allem in Deutschland. Die Messe, die für Romance-Autorinnen am meisten zählt, ist die Leipziger Buchmesse als das grosse Treffen der Community. Die Frankfurter Buchmesse folgt dahinter, eher als Ort fürs Geschäftliche. Eine Schweizer Veranstaltung in ähnlicher Grössenordnung existiert leider noch nicht.
Das bedeutet, dass Schweizer Autorinnen, die im Genre erfolgreich werden wollen, sich einem Markt zuwenden müssen, der vor allem in einem anderen Land stattfindet. Das ist nicht dramatisch, aber es kostet Aufwand. Wer in Deutschland schreibt, muss Leipzig und Frankfurt besuchen. Wer in der Schweiz schreibt, muss dasselbe tun, nur mit mehr Reisekosten und weniger direkter Verankerung in der Community.
Die Schweiz hat nie eine eigene Romance-Infrastruktur aufgebaut. Sie lieh sich immer die deutsche.
Warum die Infrastruktur fehlt
Die naheliegende Erklärung ist, dass der Schweizer Buchmarkt insgesamt zu klein ist, um ein eigenes Genre-Ökosystem zu tragen. Das stimmt zur Hälfte. Tatsächlich ist das schweizerische Lesepublikum für deutschsprachige Literatur etwa so gross wie eine mittlere deutsche Grossstadt. Das reicht nicht für eigene Bestsellerlisten, nicht für eine eigene Szenepresse und nicht für eigene Community-Dynamiken.
Die andere Hälfte der Erklärung ist kultureller Natur. Die Schweizer Literaturtradition legt traditionell Wert auf eine bestimmte Art von Ernsthaftigkeit, die sich mit Genre-Literatur schwer verträgt. Romance hat es hier genauso schwer wie Krimi, Fantasy oder Horror. Die etablierten Schweizer Verlage (wie Diogenes, Nagel & Kimche oder Kein & Aber) haben über Jahrzehnte ein Profil aufgebaut, das Romance kaum berücksichtigt. Wer in der Schweiz dieses Genre schreibt, schreibt deshalb meistens ausserhalb dieses Establishments und das heisst: meistens über deutsche Verlage oder im Selfpublishing.
Die Selfpublishing-Generation
Genau das ist der Punkt, an dem sich etwas zu bewegen beginnt. Das Selfpublishing hat die Hürde gesenkt, ein Buch sichtbar zu machen. Eine Autorin aus dem Kanton Thurgau braucht heute keinen Zürcher Verlag mehr, um ihren ersten Roman zu veröffentlichen. Sie braucht einen Amazon-Account, ein gutes Cover und genug Ausdauer, um über mehrere Monate hinweg in der Community präsent zu sein. Der Erfolg wird damit nicht wahrscheinlicher, aber er wird zumindest möglich.
In den letzten zwei bis drei Jahren sind auf diesem Weg einige interessante Projekte entstanden. Manche davon sind klassische Einzelromane, andere sind Reihen und einige sind ambitionierter. Wir haben zum Beispiel ausführlich über ein Schweizer Buchuniversum berichtet, das derzeit unter dem Namen Syntera Realms aufgebaut wird und zwölf Romane in unterschiedlichen Romance-Genres zusammenbinden soll. Solche Projekte wären in einem klassischen Verlagsprogramm schwer zu verkaufen, im Selfpublishing dürfen sie versucht werden.
Andere Schweizer Romance-Autorinnen verzichten ganz auf einen eigenen Online-Auftritt und schreiben unter Pseudonymen bei deutschen Verlagen. Ob diese Bücher sich dann als schweizerisch lesen, hängt von der Autorin ab. Manche streuen gezielt lokale Details ein, andere verorten ihre Handlung bewusst im deutschen Raum, weil die Leserinnen das erwarten. Beide Strategien sind legitim und beide haben Vor- und Nachteile.
Was der Markt nicht sieht
Ein strukturelles Problem der Sichtbarkeit ist, dass Romance-Bestsellerlisten nicht nach Autorinnen-Herkunft sortiert werden. Wenn eine Schweizerin mit einem deutschen Verlag in die Spiegel-Liste rutscht, wird sie dort als deutsche Bestsellerautorin wahrgenommen. Das macht sie nicht weniger schweizerisch, aber es macht die Schweizer Szene unsichtbar. Die Öffentlichkeit nimmt erst wahr, was mit einem Schweizer Etikett versehen ist und die Autorinnen, die keines tragen möchten, bleiben in der Wahrnehmung deutsch.
Das ist kein Problem, das sich redaktionell lösen lässt, aber es ist eines, das Blogs wie unsere wenigstens benennen können. Wir versuchen, Schweizer Projekte sichtbar zu machen, wo wir sie finden und wir nehmen Hinweise entgegen, wenn uns etwas entgangen ist.
Ausblick
Ob die Schweizer Romance-Szene in den nächsten fünf Jahren wächst, hängt nicht von einzelnen Autorinnen ab, sondern von einigen strukturellen Faktoren. Dazu gehören die Frage, ob sich eine eigene Community-Infrastruktur aufbaut (unwahrscheinlich), die Frage, ob Schweizer Medien mehr über Romance berichten (möglich, aber langsam) und die Frage, ob einzelne Autorinnen den Durchbruch schaffen und damit andere inspirieren (der wahrscheinlichste Weg).
Dieser dritte Weg ist der, auf den wir am meisten achten. Ein einzelnes Projekt, das über die Landesgrenze hinaus wahrgenommen wird, kann mehr bewirken als zehn Jahre Strukturarbeit. Wir haben längst einen Favoriten und warten mit einer gewissen Ungeduld darauf, dass die erste Seite davon gedruckt wird.