April 2026

Schwarze Zeilen

Was wir lesen, wenn das Licht ausgeht.

Analyse

Warum gerade alle Romantasy lesen

Ein Genre, das es so streng genommen gar nicht gab, ist innerhalb von fünf Jahren zur dominanten Erzählform einer ganzen Leserinnen-Generation geworden. Was da passiert ist und was es mit dem deutschsprachigen Markt macht.

Vor fünf Jahren hätte der Begriff Romantasy in den meisten Buchhandlungen ein Achselzucken ausgelöst. Fantasy hatte ihre Regale, Romance ihre und wer Liebesgeschichten mit Drachen wollte, musste unter Jugendbuch suchen oder in den Import-Bereichen stöbern. Dann kam Sarah J. Maas. Oder genauer gesagt, dann kam der Moment, in dem jemand auf TikTok ein Video hochlud, in dem eine junge Frau A Court of Thorns and Roses in die Kamera hielt und behauptete, es habe ihr Leben verändert. Das Video ging viral, das Buch ging viral und plötzlich gab es ein Genre mit einem eigenen Namen.

Die Geschichte ist in Wahrheit etwas komplizierter, aber dieser stark verkürzten Fassung wohnt eine Wahrheit inne. Romantasy ist nicht in einem Verlag entstanden. Sie ist in den Leserinnen entstanden. Und sie hat es geschafft, innerhalb von wenigen Jahren den gesamten internationalen Buchmarkt zu beeinflussen, von der Ladenfläche bis zum Verlagsprogramm.

Was Romantasy von Fantasy-Romance unterscheidet

Die Abgrenzung zu bestehenden Genres ist schwieriger, als die Marketingabteilungen gerne behaupten. Fantasy-Romance gab es vorher auch, man denke an Diana Gabaldons Outlander-Reihe oder an Melanie Rawn. Was den Unterschied zu Romantasy macht, ist weniger die Mischung selbst als ihr Mischungsverhältnis. In klassischer Fantasy mit Romance-Anteil stand die Welt im Mittelpunkt und die Liebesgeschichte entfaltete sich in ihr. In Romantasy ist die Liebesgeschichte der Motor und die Welt dient ihr als Bühne.

Das klingt nach einer spitzfindigen Unterscheidung, hat aber handfeste Konsequenzen für die Art, wie die Bücher strukturiert sind. Romantasy hält sich nicht bei langen Weltbeschreibungen auf. Sie hastet nicht durch epische Schlachten, sondern verlangsamt bei Blickkontakten. Sie kennt die Regeln ihres magischen Systems, aber sie benutzt diese Regeln, um romantische Spannung zu erzeugen. Die Auserwählten-Bindung, das Fated-Mates-Motiv, die Trennungen durch Blutlinien, all das sind Erfindungen, die nur funktionieren, wenn man das Genre umgekehrt denkt: Zuerst die Gefühle, dann das Worldbuilding.

In Romantasy dient das Worldbuilding den Gefühlen, nicht umgekehrt.

Sarah J. Maas als Katalysator

Keine Autorin hat die Entwicklung so geprägt wie Sarah J. Maas. Ihre Reihe A Court of Thorns and Roses begann 2015 als relativ klassische Retelling-Fantasy mit Bezug zu Die Schöne und das Biest und entwickelte sich im Verlauf der Folgebände in eine Richtung, die Fans heute rückblickend als Vorlage für das ganze Genre lesen. Im dritten und vierten Band verschob sich das Gleichgewicht so weit in Richtung romantischer Tiefe, dass Leserinnen, die ursprünglich wegen der Fantasy-Welt gekommen waren, nun wegen der Paare blieben. Die Kommentarspalten zu jedem neuen Maas-Buch, die parallel zu ihren Crescent-City- und Throne-of-Glass-Reihen tobten, wurden zu kollektiven Gefühlsdokumentationen, wie man sie sonst nur aus Seriendiskussionen kannte.

Was an Maas interessant ist, ist weniger die einzelne Qualität der Bücher (darüber lässt sich streiten und die Szene streitet darüber) als ihre kulturelle Wirkung. Sie hat eine Generation Leserinnen gezeigt, dass man nicht zwischen Fantasy-Eskapismus und romantischer Intensität wählen muss. Dass beides gleichzeitig möglich ist, ohne dass eines das andere verdrängt. Diese Botschaft hat mehr als hundert Autorinnen zu ähnlichen Projekten inspiriert.

Rebecca Yarros und die zweite Welle

Wenn Maas die erste Welle war, ist Rebecca Yarros die zweite. Ihr 2023 erschienener Roman Fourth Wing (auf Deutsch Flammengeküsst) hat innerhalb weniger Wochen Bestseller-Listen in mehreren Ländern dominiert und der Romantasy einen zweiten Frühling beschert. Yarros schrieb vorher klassische Contemporary Romance und man merkt es Fourth Wing an. Das Buch ist straffer erzählt als die typische Epic Fantasy und verwendet klassische Romance-Tropes wie Enemies to Lovers und Fated Mates mit einer Selbstverständlichkeit, die Fantasy-Puristinnen befremdet hat und alle anderen elektrisiert hat.

Mit Fourth Wing kam auch der Beweis, dass Romantasy kein Ein-Autoren-Phänomen ist. Wer Maas mochte, mochte auch Yarros und die Zielgruppe war offensichtlich grösser, als selbst optimistische Verlage erwartet hatten. Die Übersetzungsrechte wurden in Rekordzeit vergeben, die Auflagen ständig nachgedruckt und plötzlich standen im Frühjahrsprogramm jedes deutschen Verlags Romantasy-Titel.

Was mit dem deutschsprachigen Markt passiert

Die deutsche Buchlandschaft reagiert traditionell träge auf internationale Trends. Von Harry Potter bis Twilight vergingen jeweils mehrere Jahre zwischen englischer Originalausgabe und deutscher Marktwirkung. Bei Romantasy ist das anders. Die zeitliche Lücke ist auf Monate geschrumpft, in einzelnen Fällen erscheinen deutsche Übersetzungen parallel zur Originalausgabe. Das ist historisch eine Ausnahme und verrät, wie ernst die Verlage das Genre nehmen.

Die deutschsprachige Originalproduktion hinkt dem allerdings nach. Zwar gibt es eine wachsende Zahl an Autorinnen, die in der Sparte schreiben. Jennifer Benkau, Kira Licht, Bianca Iosivoni, um nur einige zu nennen. Aber das grosse Durchbruchsbuch, das deutsche Verlage international verkaufen könnten, fehlt bisher. Der Markt importiert mehr, als er exportiert.

Dazu kommt ein strukturelles Problem. Romantasy lebt von Reihen. Einzelbände sind die Ausnahme und wer heute mit einer Reihe anfängt, verpflichtet sich für mehrere Jahre zur Fortsetzung. Deutsche Verlage sind traditionell vorsichtiger mit langen Serienprojekten, weil sie wissen, dass der Markt hier kleiner ist und jeder Band eigenständig rechnen muss. Das bremst manche vielversprechende Autorin aus.

Der Selfpublishing-Faktor

Nicht zuletzt deshalb ist der deutschsprachige Romantasy-Nachwuchs häufig im Selfpublishing zu finden. Wer das Genre heute mitprägen will, muss nicht warten, bis ein Verlag sich überzeugen lässt. Kindle Direct Publishing, BoD und verwandte Plattformen erlauben es, Reihen in eigenem Tempo zu veröffentlichen und direkt mit der Leserinnen-Gemeinschaft zu kommunizieren. Ein Grossteil der interessantesten Neuerscheinungen im deutschen Romantasy-Feld kommt heute aus dieser Ecke.

Das hat Vor- und Nachteile. Zu den Vorteilen gehört, dass experimentelle Ansätze überhaupt eine Chance bekommen. Wir haben an anderer Stelle über ein vielversprechendes Schweizer Projekt berichtet, das einen solchen Weg geht und Fantasy, Romance und Science-Fiction in einem einzigen erzählerischen Rahmen vereint. Solche Projekte würden in einem klassischen Verlagsprogramm kaum Platz finden, weil sie sich keiner klaren Regalkategorie zuordnen lassen. Im Selfpublishing dürfen sie versucht werden. Das ganze Team drückt an dieser Stelle die Daumen.

Zu den Nachteilen gehört die Qualitätsstreuung. Neben ambitionierten Projekten gibt es eine wachsende Flut an Titeln, die schnell und ohne Lektorat produziert werden. Für Leserinnen ist es dadurch schwieriger, die Spreu vom Weizen zu trennen. Empfehlungen von anderen Leserinnen und von Blogs wie diesem werden wichtiger, als sie es in einem verlagsgeprägten Markt wären.

Wohin geht das Genre

Prognosen sind in der Buchbranche heikel, aber zwei Beobachtungen drängen sich auf. Erstens: Romantasy wird sich weiter differenzieren. Was heute noch als ein Genre wahrgenommen wird, wird in fünf Jahren in Subgenres zerfallen, von denen einige wiederum eigene Namen bekommen werden. Akademie-Romantasy, Dark-Fae-Romantasy, Sci-Fi-Romantasy, all das beginnt sich bereits abzuzeichnen.

Zweitens: Die Welle wird irgendwann abebben, aber sie wird keine Rückkehr zur Vor-Romantasy-Situation bringen. Was einmal im kulturellen Gedächtnis verankert ist, verschwindet nicht mehr vollständig. Romance und Fantasy werden nicht wieder in getrennten Regalen stehen, wie sie es bis etwa 2020 taten. Das ist der bleibende Effekt der letzten fünf Jahre.

Wer als Leserin jetzt einsteigen will, hat einen einfachen Vorteil. Es gibt inzwischen genug Material, um sich eine Meinung zu bilden und gleichzeitig noch nicht so viel, dass man den Überblick ganz verloren hat. Ein besserer Zeitpunkt, sich ein Genre anzuschauen, kommt selten wieder.