Wer dieser Tage durch eine grössere Schweizer Buchhandlung läuft, sieht in den Romance-Regalen eine Veränderung. Wo vor fünf Jahren noch ein paar Übersetzungen mit Kussmund und Strandhintergrund standen, türmen sich heute Hardcover mit Sprayed Edges, schwarze Schmuckschuber, Wachssiegel auf Buchrücken und Triggerwarnungen auf der Rückseite. Bücher, die mehrheitlich zu einem Genre gehören, das vor zehn Jahren noch verschämt unter dem Sammelbegriff Erotika lief. Zwischen den Regalen von damals und heute liegt eine Bewegung, die in den letzten Jahren stattgefunden hat.
Im Mai 2026 erschien als Folge 27 des hauseigenen Autoren-Podcasts beim Neptun-Verlag ein Gespräch, das diese Bewegung zumindest streckenweise zur Sprache bringt. Zu Gast war die Thurgauer Autorin Jenny Schwarz, deren Buchuniversum Syntera Realms wir an anderer Stelle bereits ausführlich portraitiert haben. Gastgeber war der Berner Autor Sascha Michael Campi, langjähriger Krimiautor, der im August die erste Hälfte seiner Dark-Romance-Dilogie BITE ME und damit sein vierzehntes Buch herausgibt. Zwei Schreibende aus der Schweiz, die aus unterschiedlichen Richtungen am gleichen Genre arbeiten, in gut zwanzig Minuten Gespräch.
Wovon hier eigentlich die Rede ist
Schwarz' Eingangsbeobachtung ist die schlichteste und gleichzeitig die interessanteste. Diese Bücher, sagt sie, habe es früher auch schon gegeben. Was sich verändert habe, sei nicht das Angebot, sondern die Haltung der Leserinnen. Niemand schäme sich heute mehr, einen Mafiaroman mit einer Pistole auf dem Cover in der Öffentlichkeit zu lesen. Das ist keine literarische Aussage. Das ist eine soziologische.
Campi bestätigt sie aus der anderen Richtung mit einer eigenen Pointe. Er erzählt von einer Begegnung mit einer Kellnerin in einem Dorfrestaurant, die ihn als Krimiautor erkannt habe und nach seinem nächsten Buch gefragt hatte. Auf die zaghafte Gegenfrage, was sie selber denn so lese, habe sie ohne Zögern und ohne Verlegenheit eine Antwort gegeben, die ihn erröten liess: Hausfrauen-Pornos. Was die beiden Erzählungen verbindet, ist die gleiche Pointe. Die Scham-Schwelle liegt heute woanders als früher.
Was sich verändert, ist nicht das Angebot. Es ist die Haltung der Leserinnen.
Vom Versteck ins Schaufenster
Die Bücher selbst tragen ihren Anteil an dieser Verschiebung. Wer in einer grösseren Buchhandlung die Romance-Regale absucht, sieht zuerst die Buchschnitte. Sprayed Edges, also farbig bedruckte Schnittflächen, sind in den letzten Jahren vom Sonderangebot zur Standardausstattung mutiert. Special Editions mit Schmuckschuber und exklusiven Coverillustrationen erscheinen in immer kürzeren Abständen. Bestseller dieses Genres werden, wie Campi im Gespräch beobachtet, dreifach an dieselbe Leserin verkauft. Erst die Paperback-Ausgabe, dann das Hardcover, am Ende die nummerierte Sammleredition.
Das verändert die Funktion des Bücherregals. Wo Schwarz mit achtzehn ihr damaliges Fantasy-Regal noch peinlich fand, wenn Besuch kam, ist das Buchregal heute eine Visitenkarte. Es signalisiert nicht nur Lesegewohnheit, sondern Zugehörigkeit. Wer ein bestimmtes Set an Cover-Illustrationen besitzt, gehört zu einer Gemeinschaft, die sich über TikTok, Instagram und Discord organisiert und ihre Mitglieder am Bücherregal erkennt, lange bevor das erste Wort über den Inhalt fällt. Das ist nicht trivial. Das ist die Verschiebung einer literarischen Praxis von der privaten in die öffentliche Sphäre, und sie hat das Genre in einer Weise normalisiert, die Kritiken aus den Feuilletons strukturell zu spät kommen lässt.
Anti-Helden und das Ende der vorbildlichen Lektüre
Campi formuliert im Lauf des Gesprächs eine zweite These, die unscheinbarer wirkt, als sie ist. Die Menschen seien es ein bisschen leid, perfekte Vorbilder vorgesetzt zu bekommen. Wo früher beim Kinderspiel zwischen Polizei und Räuber der Polizist gewählt worden sei, sei die Wahl heute ausgeglichen. Er nennt als Bezugspunkt die Schimanski-Tatorte, die in einer Generation, die heute selbst Bücher schreibt, hängengeblieben sind. Schimanski stand quer zum Apparat, missachtete Vorschriften, war moralisch unsauber und gerade deshalb interessant. Die Spätfolge dieser Generation, könnte man hinzufügen, ist eine Leserschaft, die mit ambivalenten Figuren grossgeworden ist und in der reinen Schwarzweissmalerei das langweiligere Format erkennt.
Dark Romance arbeitet konsequent mit dieser Ambivalenz. Die Protagonistinnen sind nicht moralisch perfekt, die Protagonisten schon gar nicht. Beide tragen ihre Brüche offen. Wer das als Romantisierung von Gewalt liest, hat den Genre-Vertrag nicht mitgelesen. Wer es aushält, findet darin eine Auseinandersetzung mit Macht, Begehren, Schuld und Vergebung, die in den ruhigeren Romance-Subgenres in dieser Schärfe nicht stattfinden kann.
Der doppelte Massstab, den niemand mehr verteidigen will
Wenn Stephen King und Cody McFadyen, sagt Schwarz an einer Stelle, selbstverständlich Gewalt in einer Intensität schreiben dürfen, die das jeweilige Genre auszeichnet, ohne dass jemand auf den Gedanken kommt, von Schund zu reden, dann lässt sich schwer begründen, warum dieselbe Härte in einer Liebesgeschichte plötzlich der Untergang des Abendlandes sein soll. Diese Beobachtung ist nicht neu. Wir haben sie in unserem Essay über das Genre bereits in eine etwas elaboriertere Form gegossen. Was im Podcast hinzukommt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie ausgesprochen wird.
Das ist möglicherweise das deutlichste Zeichen für die Veränderung. Es geht nicht mehr darum, das Genre zu verteidigen. Es geht darum, festzustellen, dass die Kritik an einem doppelten Massstab arbeitet, der sich nicht offen begründen lässt. Wer Thriller akzeptiert, weil Gewalt dort der Spannung dient, und Dark Romance ablehnt, weil Gewalt dort der emotionalen Bindung dient, hat eine Wertung verraten, die mit Literaturkritik nur am Rand zu tun hat. Dass diese Kritik meistens dort einsetzt, wo das Publikum überwiegend weiblich ist, gehört zur unbequemen Hintergrundbeleuchtung dieses Befunds.
Eine Schweizer Lücke und ihre Konsequenz
Eine dritte Beobachtung des Gesprächs ist sprachpolitisch. Die meisten gebundenen Dark-Romance- und Dark-Romantasy-Titel, die heute in deutschsprachigen Buchhandlungen liegen, sind Übersetzungen aus dem englischsprachigen Markt. Deutsche und Schweizer Autorinnen, die im Genre auf eigene Rechnung schreiben, sind selten. Schwarz nennt das eine vergebene Chance. Man schreibe hier nicht schlechter als die Amerikanerinnen, man tue es nur noch nicht in der nötigen Sichtbarkeit. Campi ergänzt das mit dem Hinweis, dass der Schweizer Markt in vielen Hinsichten ein wenig zurückhaltender funktioniere als der deutsche und österreichische.
Dass Orell Füssli unter den ersten Buchhandlungen war, die Self-Publisherinnen in diesem Genre überhaupt ins Regal liessen, gehört zur jüngeren Geschichte. Die Coronazeit hat den Vorgang beschleunigt. Plötzlich wurde sichtbar, wie viele Leserinnen es im Genre gab, die bis dahin ausschliesslich im Privaten Bücher kauften. Was als Notlösung begann, hat den Markt umgebaut. Heute betreten die ersten deutschsprachigen Originalwerke das Feld. Schwarz' Syntera Realms ist eines davon, Campis BITE ME ein weiteres. Dass es sich bei beiden um Schweizer Projekte handelt, ist ein kleines, aber bemerkenswertes Detail in einem Markt, der bislang vor allem aus dem Englischen importiert wurde.
Faszination Dark Romance, Dark Romantasy. Folge 27 des Autoren-Podcasts beim Neptun Verlag, mit der Autorin Jenny Schwarz und dem Autor Sascha Michael Campi. Aufgenommen im Mai 2026, Länge knapp 22 Minuten.
Die Folge auf Neptun Podcasts
Über den Neptun Verlag
Webseite von Jenny Schwarz
Webseite von Sascha Michael Campi
Was am Ende bleibt
Es wäre verfrüht, daraus zu schliessen, das Genre habe seine Auseinandersetzungen hinter sich. Die wichtigen Fragen kommen jetzt erst. Sie fragen, was die Romantisierung von Macht und Gewalt im Detail bedeutet, wo die Grenzen eines verantwortbaren Genres liegen, wer sie zieht und mit welcher Autorität. Diese Fragen sind ernstgemeint und verdienen ernste Antworten.
Aber sie werden jetzt anders verhandelt. Sie werden zwischen Leserinnen verhandelt, die ihre Genres mit offenen Augen wählen. Sie werden zwischen Autorinnen und Autoren verhandelt, die ihre Themen offen benennen. Sie werden in Buchhandlungen verhandelt, die ihre Regale aufstocken statt sie zu schliessen. Was sich verändert hat, ist nicht das, was in den Büchern steht. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der darüber gesprochen wird. Das, würde Jenny Schwarz vermutlich sagen, ist das eigentliche Thema.